Die Erschöpfung, die niemand sieht
Wenn du für alle da bist und selbst kaum noch vorkommst.
FemHealth Gast Blog verfasst von: Mag. Andrea Strübl
Wir laden Gastblogger ein, ihre Erfahrungen, ihr Fachwissen und ihr Wissen zu teilen. Sie sind selbst für ihre Inhalte und Urheberrechte verantwortlich.
Du sitzt im Auto vor deiner Haustür. Der Motor ist aus. Du könntest längst drinnen sein. Aber du bleibst sitzen.
Noch zwei Minuten, in denen niemand etwas von dir will.
Heute hat eine Kollegin gesagt: „Ich weiß nicht, wie du das alles schaffst.“ Du hast gelächelt. Was hättest du antworten sollen? Dass du es selbst nicht mehr weißt?
Diese Erschöpfung kommt pünktlich zur Arbeit. Sie erinnert an Geburtstage und fragt andere, wie es ihnen geht. Sie fällt kaum auf, weil du trotz allem noch so viel schaffst.
Das kleine Ja
Dein Handy leuchtet auf. „Kannst du am Samstag doch einspringen?“
Du hattest dich auf diesen freien Tag gefreut. Auf einen Morgen ohne Uhr. Für einen Augenblick ist deine Antwort ganz klar.
Dann denkst du an die Kollegin, die sonst allein dasteht. Dein freier Samstag wird verhandelbar.
„Ja, ich mache das.“
Du legst das Handy weg. Dein Kiefer ist fest. Du bist ärgerlich, obwohl du gerade selbst zugesagt hast.
In meiner Begleitung von Frauen interessiert mich genau dieser Moment: Du hast gewusst, was du wolltest. Es durfte nur nicht wichtig genug sein.
Vielleicht hast du früh gelernt, dass du Anerkennung bekommst, wenn du hilfst, leistest und wenig brauchst. So ist eine vertraute Spur entstanden. Heute folgst du ihr oft, bevor du überhaupt bemerkst, dass du eine Wahl hättest.
Warum Verstehen allein nicht reicht
Aus meiner naturwissenschaftlichen Arbeit weiß ich: Ein Muster, das dich lange geschützt hat, sitzt nicht nur im Kopf. Es ist im Nervensystem gespeichert, als schnelle, automatische Reaktion. Kommt eine Bitte, reagiert der Körper, bevor das Denken nachkommt. Der Atem wird flach, der Kiefer fest, das Ja ist schon gesagt.
Deshalb kannst du ein Muster genau verstehen und trotzdem immer wieder darin landen. Das ist kein Versagen. Veränderung braucht mehr als Einsicht: neue Erfahrungen, die du im Alltag wiederholt machen darfst.
Stopp
Vielleicht kennst du den Moment, in dem dir klar wird: So möchte ich nicht weitermachen. Hinter all den Aufgaben taucht eine Frage auf, die du lange beiseitegeschoben hast: Wann bin eigentlich ich dran?
Und zum ersten Mal nimmst du den Wunsch ernst: Ich will nicht mehr nur funktionieren. Ich will leben.
Hier beginnt für mich ein SPURWECHSEL. Beim nächsten Mal bleibt die Bitte einen Moment unbeantwortet. Du spürst deine Füße am Boden, bemerkst deinen Atem. Vielleicht ist da Angst, jemanden zu enttäuschen. Vielleicht Ärger oder eine große Müdigkeit. Du gibst dir Zeit, wahrzunehmen, was in dir geschieht.
Du musst dafür nicht dein ganzes Leben umwerfen. Die Wandlung beginnt in deiner Beziehung zu dir selbst: Du hörst dir zu. Du nimmst ernst, was du fühlst. Und du übst, bei dir zu bleiben, auch wenn ein anderer Mensch etwas anderes möchte.
Von der alten Spur über das Innehalten zur eigenen Spur. Grafik: Andrea Strübl
Was in dir leben möchte
In diesem Innehalten kann die eigene Spur sichtbar werden. Vielleicht erinnerst du dich an eine Idee, die du seit Jahren verschiebst. An eine Sehnsucht, die kaum noch Platz hatte. Du beginnst wieder zu fragen:
Was will in mir leben?
Was möchte ich endlich wagen?
Wo sage ich Ja, während mein Körper längst Nein sagt?
Vielleicht antwortest du deiner Kollegin: „Ich gebe dir morgen Bescheid.“ Und nutzt diese Zeit, um herauszufinden, was für dich stimmt. Der freie Samstag bekommt einen Wert, auch wenn du ihn niemandem erklären kannst.
Ich kenne diesen Weg aus meinem eigenen Leben. Ob meine Mutter um eine Fahrt zum Arzt bat oder mein Mann um einen Termin: Mein Ja kam, bevor ich nachgedacht hatte. Und ich habe erlebt, wie schnell ich wieder in die alte Reaktion geriet, obwohl ich längst verstanden hatte, was ich anders wollte. Es braucht Zeit, Wiederholung und oft einen Menschen an deiner Seite, bis sich die eigene Antwort sicher anfühlt.
Wie sich das in deinen Beziehungen und im Beruf zeigt, darf sich Schritt für Schritt entwickeln.
Du sitzt noch im Auto. Fast alle haben bekommen, was sie brauchen.
Deine eigene Antwort steht noch aus.
Du musst nicht erst zusammenbrechen, um in deinem Leben wieder vorzukommen.
Hinweis: Anhaltende oder starke Erschöpfung gehört ärztlich abgeklärt. Persönliche Begleitung ersetzt keine notwendige Behandlung. [1]
Autorinnenbio
Mag. Andrea Strübl ist Biomedizinische Analytikerin und Gesundheitswissenschaftlerin. 20 Jahre in Klinik und Forschung und die Leitung eines großen Teams haben sie beides gelehrt: wie der Körper funktioniert und wie es sich anfühlt, nur noch zu funktionieren. Heute begleitet sie mit SPURWECHSEL Frauen zurück zu sich. Nicht höher. Tiefer. www.andrea-struebl.at
Kostenloser Selbstcheck: https://www.thenewcircle.at/selbstcheck
Quellen
[1] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs: Burnout. www.gesundheit.gv.at/krankheiten/psyche/burnout.html